Allgemein

Architekturverständnis und Fotografie

von 21. Dezember 2018 Keine Kommentare

Beim RELAUNCH unserer Webseite haben wir uns nicht nur gefragt, welche Inhalte unserer Arbeit wir zeigen werden, sondern auch mit welchen Bildern? Dabei fiel auf, dass unser primäres Anliegen: Lebensräume für Menschen zu gestalten, nicht mit den bisherigen Fotografien zum Ausdruck kam, waren sie menschenleer.

Diese Diskrepanz nahmen wir zum Anlass, Architektur aus dem Blickwinkel ihrer individuellen Bewohner und ihrer vitalen Benutzung zu betrachten. Architekturfotografie vermittelt das Gefühl ein authentisches Abbild realer Räume zu produzieren. Gerade eine belebte fotografische Szenografie verstärkt diesen Eindruck, hinter dem sich – wie ein exemplarischer Blick in die mediale Moderne zeigt – bestimmte Ideen und Ideologien verbergen.

So ließ der Architekt Frank Lloyd Wright beispielsweise, das Kind der Eheleute Coonley bewusst im Vordergrund ihres Hauses in  Riverside, Illinois (1911) für seine fotografische Dokumentation aufstellen (Fotograf: Clarence Albert Fuermann). Es diente ihm quasi als Projektionsfigur, die suggerieren sollte, das Wrights modernes Wohnen eine freie Entfaltung der Persönlichkeit ermöglicht; denn das war Anliegen seiner modernen, vom demokratischen Ideal geprägten Architektur – mit der er ein neues Raumverständnis mit dem damals neuen Medium Fotografie zu evozieren versuchte. Beim zweiten Beispiel rufe ich die bekannte Fotografie von Le Corbusiers Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) ins Gedächtnis. Auf ihr ist straßenseits ein zeitgenössisches Mercedes-Benz Modell mit posierender Dame zu sehen, die strahlend weiße Architekturikone erhebt sich bilddominierend im Hintergrund. Die Fotografie erweckt nicht nur den Eindruck, das die Dame auch Besitzerin einer Doppelhaushälfte sein könnte. Vielmehr gelingt es ihr, einen Bezug zwischen Automobil und Architektur herzustellen und die futuristische Wohnmaschine mit der automobilen Technologie gleichzusetzen, versteht Le Corbusier das Haus als eine Maschine zum Wohnen. So bringt die Fotografie die architektonische Ideologie bildhaft zum Ausdruck, das die Firma Daimler zu Werbezwecken im Jahr 1928 anfertigen liess.[1] Ist nun die Architektur Staffage für das Automobil, oder aber umgekehrt: das Automobil für die Architektur? Beiden historischen Fotografien gelingt es nicht nur eine architektonische Ideologie bildhaft zu vermitteln, sondern durch die Anwesenheit von Personen, den Räumen einen menschlichen Maßstab geben und sie bestenfalls in Beziehung miteinander setzen. Zugegebener Maßen erfüllt diese Aufgabe ebenso eine Visualisierung oder ein Modell.

Frage ab.rm: Was kann und sollte zeitgenössische Architekturfotografie darüber hinaus noch leisten?

Antwort Moritz Bernoully, Fotograf in Frankfurt am Main.

„Bei der Eröffnung des Jumex-Museums in Mexico City fragte Hans Ulrich Obrist den Architekten des Gebäudes David Chipperfield, welchen Ratschlag er einem jungen Architekten geben würde. Seine Antwort: ‚Go look at buildings, not pictures!‘ Chipperfield weist damit auf ein Kernproblem der Architekturdokumentation: kein Bild, und kein geschriebener Text kann den persönlichen Besuch eines Gebäudes ersetzen. Jedes Foto, jeder Plan und jede Beschreibung stellt von vornherein bestimmte, relevant erscheinende Aspekte heraus, vernachlässigt andere und nimmt so eine Interpretation des Projekts vor. Architekturfotos entstehen nicht zufällig und sind kein objektives Dokument. Auch bei den beiden von Euch vorgestellten Beispielen Wrights und Le Corbusier können wir sicher sein, dass die Anwesenheit von Menschen in den Bildern eine bestimmte Botschaft befördern soll. Dame und Auto im bekannten Beispiel aus der Weißenhofsiedlung bieten mehr als nur einen „menschlichen Maßstab“: das Gebäude wird als Wohnmaschine in Bezug zur „Fahrmaschine“ gesetzt, und die selbstbewusste Pose der Frau suggeriert, dass sie durchaus die emanzipierte Fahrerin des hochmodernen Automobils sein könnte. Allerdings geht es in beiden Fällen um eine – aus der heutigen Zeit betrachtet – etwas hölzern wirkende Inszenierung. Das Kind mag – zumindest im Falle von Frank Lloyd Wright – authentische Bewohnerin des Hauses sein, aber das allein gibt uns noch keinen klaren Hinweis darauf, wie Architektur im täglichen Leben funktionieren würde. Was also wäre ein adäquater Weg, Räume in Benutzung zu dokumentieren, und zwar nicht nur so, wie es sich der Architekt gedacht hat, sondern so, wie sie letztendlich tatsächlich durch ihre Bewohner „in Betrieb genommen“ werden?
Ich finde bemerkenswert, dass zwei der bekanntesten Architekturfotografen der letzten hundert Jahre einen starken Bezug zur Dokumentarfotografie haben: Die (wenn auch hoch inszenierten) Bilder aus den sechziger Jahren von Julius Shulman haben eine frappierende Ähnlichkeit zum Werk von Slim Aarons, einem Gesellschaftsfotografen, der zur gleichen Zeit den Jet Set der USA in seinem natürlichen Habitat dokumentierte. Und Iwan Baan, einer der wichtigsten aktiven Architekturfotografen unserer Zeit, nennt gerne den Englischen Dokumentarfotografen Martin Parr als wichtiges Vorbild.
Möglicherweise gibt es also einen Zugang zur Architekturfotografie, der nicht vom gebauten Objekt ausgeht und anwesende Personen als Dekoration versteht, sondern viel mehr als eine Sozialstudie in spezifischen Räumen beginnt. Die Projekte von Iwan Baan über Brasilia, Chandigarh oder die Torre David in Caracas sind beeindruckende Beispiele dafür. Auch die Filmemacher Louise Lemoine und Ila Bêka arbeiten ähnlich: Rem Koolhaas’ Villa in Bordeaux erschließt sich bei ihnen ausschließlich durch die Begleitung und die Kommentare der Haushälterin Guadalupe Acedo bei ihrer täglichen Arbeit.
Traditionell wurde die Dokumentation von Projekten stark durch den Architekten und Autor des Gebäudes gesteuert. Es erfordert Mut, diese Autorenschaft aus der Hand zu geben und einen Außenstehenden das Werk nicht nur dokumentieren, sondern auch analysieren zu lassen. Wer es sich traut wird belohnt werden mit einem Dokument, das weit über den Beweis, dass das Gebäude genauso aussieht wie auf dem ersten Rendering hinaus geht. Eine solche Bildstrecke kann von Vielseitigkeit und Beständigkeit eines Objekts erzählen, kann Nutzbarkeit nachweisen und kann auch den emotionalen Wert der gebauten Räume transportieren.“

[1]https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.bauausstellung-in-stuttgart-raetsel-um-schoenes-mercedes-model-geloest.14903871-b3a1-4f19-9a34-8b9ae7640e26.html(2018-10-18)